Damit der Alltag im Seniorenpark nicht langweilt
Ein Mädchen schiesst mit einer Wasserpistole wie wild auf eine Pyramide aus 21 Pappbechern. Daneben befindet sich eine Sanduhr, in der die Zeit unerbittlich zerrinnt. Nachdem aller Sand im unteren Teil der Uhr gelandet ist, hat es das Mädchen geschafft, mit dem Wasserstrahl über ein Dutzend der Becher umzuwerfen. Die Rentnerin, die danebensteht, klatscht vor Freude in die Hände.
Das Duo nimmt an der Gartenolympiade teil, einem Parcours mit verschiedenen Posten, der in der lauschigen Aussenanlage des Seniorenparks Frutigen stattfindet. Der Anlass erlebt gerade seine Premiere und ist ein gemeinsames Angebot des Seniorenparks und des Ferienpasses Frutigland. Ziel und Zweck: Alt und Jung zusammenbringen und beide eine tüchtige Portion Spass haben lassen.

Die Rentnerin verfolgt gespannt den Wurf Ihrer Teamkollegin.
Es hat für alle etwas
Die Gartenolympiade ist das jüngste Angebot der Aktivierung im Seniorenpark Frutigen. Die Palette der Tätigkeiten, aus denen Bewohnerinnen und Bewohner je nach Lust und Laune sowie abhängig von körperlichen oder geistigen Fähigkeiten auswählen können, ist breit, wie Barbara Beetschen, Leiterin Aktivierung, ausführt. Sie erwähnt als Beispiele Jassen, Singen, Handarbeit, Kochen, Bewegung, Gartenarbeiten und Gedächtnistraining. «Es hat für alle etwas dabei, unabhängig davon, wie gut es ihnen kognitiv oder physisch geht.»

Zusammen wird Kürbis geschnitten, um später eine Suppe daraus zu machen.
Die Aktivierung bietet so etwas wie das Rahmenprogramm für die Bewohnenden des Seniorenparks, oder wie es Barbara Beetschen umschreibt: «Wir gestalten den Alltag der Seniorinnen und Senioren und können uns mehr oder weniger mit allem Schönen in ihrem Leben beschäftigen.» Doch die Aktivierung ist weit mehr als ein Unterhaltungsprogramm, wie die Leiterin unterstreicht: «Wir sorgen dafür, dass der Alltag abwechslungsreich ist, aber auch, dass die Bewohnenden geistig und körperlich so weit als möglich fit bleiben.»
Neben den Standardangeboten, die sich an allen Wochentagen auf dem Monatsprogramm finden, organisiert die Aktivierung immer wieder besondere Anlässe. Barbara Beetschen zählt Vorträge, Filmnachmittage oder Lesungen auf. Einmal jährlich gibt es eine Spezialwoche im Herbst. Dieses Jahr lautet das Thema «Herbstmarkt». Neben den Aktivitäten für Gruppen fördert die Aktivierung die Bewohnenden auch individuell. Etwa durch gezieltes Gedächtnistraining oder persönliche Gespräche, in denen die Seniorinnen und Senioren Erinnerungen auffrischen und sich mit der Endlichkeit des Lebens auseinandersetzen könnten, wie Barbara Beetschen erläutert.
«Ohne Angebote der Aktivierung würden die meisten Menschen dasitzen und den Tag an sich vorbeiziehen lassen.»
Ergänzung zur Pflege
Die Leiterin Aktivierung will ihren Bereich nicht als Konkurrenz zur Pflege, sondern als Ergänzung verstanden wissen. Die Pflege sei um die Gesundheit, Körperpflege und Ernährung der Seniorinnen und Senioren besorgt, die Aktivierung um den restlichen Tagesablauf. Deren Bedeutung illustriert die Leiterin mit einer Aussage: «Ohne Angebote der Aktivierung würden die meisten Menschen dasitzen und den Tag an sich vorbeiziehen lassen.»
Denn mit abnehmenden geistigen und körperlichen Fähigkeiten sinke die Möglichkeit, den Alltag zu gestalten, hebt Barbara Beetschen hervor. Bevor sich beim Zuhörer die Vorstellung verfestigen könnte, dank der Aktivierung gehe es im Seniorenpark Frutigen zu und her wie in einer Militärkaserne, schiebt Barbara Beetschen eine Relativierung nach: «Unsere Angebote sind alle freiwillig. Es muss sich niemand aktivieren lassen, wenn er oder sie das nicht will.»
Fähigkeiten einbringen lassen
Das Team der Aktivierung im Seniorenpark Frutigen besteht neben Barbara Beetschen aus einer Fachmitarbeiterin für Lebens- und Alltagsgestaltung und einer Lernenden, die sich in der Ausbildung für diese Funktion befindet. Für die Durchführung der Angebote kann das Team auf rund 15 Freiwillige zählen. Den begrenzten personellen Ressourcen zum Trotz knobelt die Aktivierung gemäss ihrer Leiterin immer wieder neue Angebote aus. «Uns wird es nie langweilig, denn es ist ein Privileg, mit den betagten Menschen arbeiten zu dürfen und sie ihre Fähigkeiten einbringen zu lassen.»
Barbara Beetschen erzählt von einer rüstigen Bewohnerin, die regelmässig an den Kochstunden mitmache und Rezepte kenne, von denen sie selbst als passionierte Köchin noch nie gehört habe. Dann überlasse sie der Frau das Zepter in der Küche und staune immer wieder, wie routiniert und abgeklärt diese die Aufgabe bewältige. «Wir verstehen uns als Werkzeug, damit den Bewohnenden bewusst wird, was sie noch alles können und vor allem, dass sie noch jemand sind.»

Generationenübergreifende Aktivitäten fördern Verständnis und bereichern Jung und Alt.
Gemeinschaft fördern
Neben diesem Ziel visiert die Aktivierung noch ein übergeordnetes an, wie Barbara Beetschen gegen Schluss des Gesprächs erwähnt: «Wir helfen auch, die Gemeinschaft unter den Seniorinnen und Senioren zu fördern und das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu stärken.» Alles in allem sollen die Menschen Freude haben an ihrem Alltag und auch mal etwas anderes erleben. Wie die Seniorin, die sich nach dem Mädchen ebenfalls im «Abschiessen» der Pappbecher mit der Wasserpistole übt. Und dabei fast die gleiche Trefferquote erzielt wie ihre ein Dreiviertel Jahrhundert jüngere Teamkollegin.

Zur Person
Barbara Beetschen leitet seit Anfang 2025 die Aktivierung des Seniorenparks Frutigen. Die diplomierte Aktivierungsfachfrau HF arbeitet in einem 60-Prozent-Pensum und war früher als Hauspflegende bei der Spitex tätig. «Ich wollte die Menschen bei ihren Fähigkeiten abholen und nicht nur mit der Pflege», begründet sie den Berufswechsel, den sie im Alter von 50 Jahren vollzogen hat. Barbara Beetschen wohnt in Gsteig bei Gstaad, ist Familienfrau, Mutter von drei erwachsenen Kindern und vierfache Grossmutter. In ihrer Freizeit unternimmt sie gerne ausgedehnte Velotouren, geht im Sommer wandern und im Winter Ski fahren.

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